Wie aus schlichten Fahnen Kunstwerke werden:Alexander Tetzlaff malt mit der Stickmaschine
Der Termin steht fest: Beim Bundesschützenfest in Damme wird Alexander Tetzlaff die erste Standarte des Bundes der Deutschen Historischen Schützenbruderschaften an den neuen Hochmeister Max Freiherr Spies von Büllesheim überreichen. Derzeit konserviert Tetzlaff in seiner Kunststickerei das Fahnentuch aus Seide von 1951. „Restaurieren ist nicht möglich“, erklärt er mit fachmännischem Blick und deutet auf die vielen angegriffenen Stellen und die zum Teil vorgenommenen Reparaturen. „Ich werde sie konservieren, so dass sie erhalten bleibt.“
Eigentlich müsste die Übergabe nicht in Damme erfolgen. Zwischen Erkelenz-Keyenberg, in dem Tetzlaff seine Werkstatt betreibt, und Hückelhoven-Ratheim, dem Wohnort des Hochmeisters, liegen nur wenige Kilometer. Aber die feierliche Übergabe beim Bundesfest ist auch ein Zeichen besonderer Wertschätzung für seine Kunstfertigkeit.
In der Region hat Tetzlaff viele Kunden, seitdem sich herumgesprochen hat, dass er in Erkelenz im Nebenerwerb die Kunststickerei betreibt. Im Hauptberuf ist er Gemeindereferent im Pastoralen Raum Jüchen. Nicht zuletzt seine Funktion als Brudermeister der heimischen St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft Keyenberg von 1449 hat ihn zur Kunststickerei gebracht. 2019 musste die eigene Fahne der Bruderschaft dringend restauriert werden. „Auf dem Flachsmarkt an Burg Linn wurden wir auf eine Kunststickerei aus Haltern am See aufmerksam. Nachdem wir die Kunststickerin dort in ihrem Atelier besucht haben, war ich derart fasziniert von der Kunst, dass ich selbst damit angefangen habe.“ Schnell war der erste Stickrahmen gekauft, auf dem Tetzlaff die ersten Versuche unternahmen. Die Zeit der Corona-Pandemie mit vielen Stunden in heimischer Umgebung nutzte er, um sich Wissen über die Materialkunde und die Technik anzueignen. Der nächste Schritt war der entscheidende. „Ich habe mir die allererste Plattstickmaschine gekauft“, berichtet er und fügt schmunzelnd hinzu: „Inzwischen habe ich auch einen Stickcomputer. Aber der hat bei Fahnen nichts zu suchen.“ Das computergesteuerte Sticken ist für Shirts oder Hemden vorgesehen.
Tetzlaff liebt die Handarbeit, das „Malen mit der Maschine“. „Beim Malen habe ich Pinsel und Leinwand, beim Sticken sind es Nadel und Stoff.“ Der Unterschied: „Beim Malen führe ich den Pinsel über die Unterlage, beim Sticken steht die Nadel fest und ich lenke den Stoff.“ 2021 machte Tetzlaff die Kunststickerei zu Nebenerwerb – und wurde wegen seiner handwerklichen Kunst schnell bekannt. „Zu 95 Prozent sind es Fahnen und Standarten, die ich in meiner Werkstatt behandele. In den allermeistern Fällen sind er Restaurierungen oder Reparaturen.“ Priestergewänder hat er ebenfalls schon in den Händen gehalten. „Die meisten Aufträge kommen von Schützenbruderschaften. Aber auch Karnevalsvereins melden sich mit ihren Fahnen.“ An Arbeit mangelt es ihm nicht. Allein im heimischen Bezirk Mönchengladbach gebe es 35 Bruderschaften, deren Fahnen und Standarten regelmäßig überarbeitet werden müsse. Inzwischen hat sich über den Bezirk hinau seine Arbeit herumgesprochen. Eine neue Fahne für eine Bruderschaft im Selfkant, eine neue für die in Kalterherberg in der Eifel und die in Krefeld-Linn sind gerade fertig geworden. Für den Diözesanbundesmeister Kurt Bongard aus Aachen konzipiert Tetzlaff eine spezielle Schärpe, die als Gastgeschenk für eine Bruderschaft in Tirol aus Anlass der 40-jährigens Bestehens einer Freundschaft dienen soll.
Die Kunststickerei, vornehmlich für die Schützenbruderschaften, ist für Tetzlaff in erster Linie keine Arbeit, sondern Entspannung von seinem geistig anstrengenden Beruf. „Wenn andere nach einem harten Arbeitstag vor der Glotze abhängen, sitze ich an meiner Stickmaschine und finde meine Erfüllung.“
