Erzbischof Heiner Koch im Interview:„Das Fehlen verbindender Feste empfinden ich als Armut“
Vor 20 Jahren in Köln zum Bischof geweiht, inzwischen Erzbischof in Berlin - daraus ergibt sich eine differenzierte Sicht auf den Glauben in Deutschland. Wie läßt sich der Wandel in der katholischen Kirche in diesen zwei Jahrzehnten beschreiben? Lassen die Skandale um Missbrauch und mangelnde Aufklärung noch Raum für Seelsorge oder ist der Vertrauensverlust zu groß, um Menschen aktiv ansprechen zu können? Welche Herausforderung hat den Priester Heiner Koch besonders gefordert?
Koch: Abgesehen von allen regionalen geschichtlichen und kulturellen Unterschieden hinsichtlich der Bedeutung Gottes und der Kirche hat der christliche Glaube in Deutschland in den letzten Jahrzehnten seine bislang weitverbreitete Selbstverständlichkeit bei vielen Menschen verloren. Dies betrifft bei weitem nicht nur die Kirche, sondern auch die Frage nach der Existenz und dem Wesen Gottes. Gibt es einen Gott oder gibt es keinen Gott: In dieser Frage ist jeder Mensch ein gläubiger Mensch. Der eine glaubt, dass es einen Gott gibt, und der andere glaubt, dass es keinen Gott gibt. Glauben muß jeder Mensch. Der Glaube an Gott aber wird oftmals in bedeutenden Lebenswelten der Menschen, etwa in vielen Familien und Freundes- und Berufskreisen, nicht mehr gestützt. Fehler und Skandale in der Kirche wie der sexuelle Missbrauch verstärken diese Entwicklung, auch wenn vom Verbrechen des Missbrauchs ·sehr viele andere gesellschaftliche Gruppen und Einrichtungen betroffen sind, die nicht wie die Kirche in der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen und die nicht oder kaum öffentlich angeklagt werden. Aber es gibt auch positive Entwicklungen: In vielen Ländern Europas, etwa in Frankreich, lassen sich viele junge Menschen taufen. Für sie hat Gott eine neuentdeckte Relevanz in ihrem Leben gefunden. In Berlin haben wir in der letzten Osternacht 183 Erwachsene getauft, so viele, wie noch nie als Erwachsene in dieser Stadt an Ostern getauft worden sind. Auch kann ich als Erzbischof nicht über eine mangelnde Nachfrage in unserer säkularen Gesellschaft nach Gesprächen, Vorträgen, Diskussionen, Auftritten klagen. Trotz aller Belastungen sind wir als Kirche doch erstaunlich geachtet und gesucht sind.
Jüngst stand eine Begegnung mit dem neuen Nuntius an. Wie sieht Rom die Entwicklung der Kirche in Deutschland? Welche Hoffnungen verbindet der Berliner Erzbischof mit Papst Leo XIV., der im ersten Jahr seiner Amtszeit der deutschen Kirche unterschiedliche Signale gesandt hat? Manche sprechen von einer drohenden Spaltung der Kirche …
Koch: Ich hatte in letzter Zeit manche Begegnung mit Verantwortlichen in der vatikanischen Kurie. Sehr aufmerksam verfolgen viele dort die Entwicklung der katholischen Kirche und vor allem unseren synodalen Weg mit großem Interesse, einige sicherlich auch mit einer unruhigen Skepsis, andere mit einem doch erstaunlichen Vertrauen auf die Kirche in Deutschland. Seit Papst Franziskus befinden wir uns in der Kirche auf der ganzen Welt in einem synodalen Prozess und lernen voneinander. Wir deutsche Katholiken bringen unsere oftmals sehr differenzierten Überlegungen in diesen weltweiten synodalen Prozess ein mit all den Unterschiedlichkeiten, die wir auch in Deutschland in manchen theologischen, spirituellen und kirchenpolitischen Fragen vertreten. Eindeutig klar aber ist, dass wir in der Einheit der Gesamtkirche bleiben. Das ist für uns eine Grundaussage, die gilt und bleibt. Wir machen nicht die Kirche, sie· ist ein Geschenk Gottes an uns, wir haben den Auftrag, sie weiter zu gestalten in dem Vertrauen darauf, dass der Heilige Geist diese Kirche trägt und uns führt. Wir lernen in der Kirche und nicht selten wirkt der Heilige Geist sehr überraschend.

Wie entscheidet ist die Rolle des Erzbischofs im politischen und gesellschaftlichen Diskurs der Hauptstadt? Inwieweit sind Krisen, Armut und Zuwanderung auch Themen der Kirche?
Koch: Ich stehe in Berlin als Erzbischof in einem lebendigen Austausch zunächst mit den drei Landesregierungen, die auf dem Gebiet unseres Erzbistums liegen und die parteipolitisch sehr unterschiedlich zusammengesetzt sind: Berlin, Brandenburg und Vorpommern, das zum Bundesland Mecklenburg-Vorpommern gehört. Außerdem habe ich auch eine ganze Reihe von Kontakten auf der politischen Bundesebene. Die gegenwärtigen weltpolitischen und gesellschaftlichen Krisen spielen in den Gesprächen eine große Rolle, nicht zuletzt die Sorge angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen im Osten Deutschlands mit der Möglichkeit, dass die AfD nach den Wahlen in einzelnen Ländern Regierungsverantwortung übernehmen könnte. Uns prägen aber auch die Kriege in der Ukraine, in Afrika und im Nahen Osten, weil hier in Berlin viele Menschen aus diesen Gebieten zusammenleben und es gerade bei extremen Gruppierungen oftmals zu öffentlichen Auseinandersetzungen kommt. Vor diesem Hintergrund ist auch der Antisemitismus ein beunruhigendes, erschreckendes Phänomen unserer Zeit, zu dem wir als Kirche uns eindeutig positioniert haben.
Gibt es die rheinische Volkskirche noch? Was unterscheidet das Glaubensempfinden in Berlin von dem in Köln oder Düsseldorf? Was können die Rheinländer von den Berliner Christen lernen?
Koch: Gerade aus der Berliner Ferne heraus weiß ich, dass die rheinische Volkskirche lebt und sich von dem Glaubensempfinden im Osten Deutschlands doch erheblich unterscheidet. Hier haben die meisten Menschen nichts gegen die Kirche, zu der sie oft noch nie einen Kontakt hatten. Tatsächlich stehen wir als Kirche vor der herausfordernden Aufgabe einer Erstevangelisierung in dieser Gesellschaft. Aber auch die kulturell geprägten Unterschiede zwischen dem Rheinland und dem Osten Deutschlands sind für das Glaubensleben erheblich. Solche den Glauben stützenden Gemeinschaften wie die Schützenbruderschaften oder auch manche Karnevalsvereinigungen existieren hier im Osten nur selten. Natürlich weiß ich, dass die Verbundenheit zwischen Brauchtum und Kirche auch nicht mehr solch eine Selbstverständlichkeit darstellt wie in den früheren Jahrzehnten.

Auch nach Jahren als Bischof in Ostdeutschland - zunächst in Dresden, dann in Berlin - ist die enge Bindung zum Brauchtum (zu Schützen und Karneval) geblieben. Das zeigt sich bei vielen Besuchen und aktiver Teilnahme - beim Rosenmontagszug in Köln wie bei Romwallfahrten der Schützen. Wie wichtig ist die Verbindung zu den Menschen und Traditionen?
Was vermißt der „rheinische Jung“ in Berlin am meisten?
Koch: Meine persönliche Bindung zum Brauchtum der Schützenbruderschaften und zum rheinischen Karneval prägt mich sehr. Ich freue mich immer wieder über die herzlichen Beziehungen zu Menschen, die für das Brauchtum stehen. Auch in Berlin treffe ich immer wieder auf Rheinländer, die mitten in Berlin heimatlich zusammenkommen. Der Wert dieser Traditionen und dieser Gemeinschaften wird mir immer wieder deutlich, wenn ich etwa wahrnehme, dass es in Berlin kein alle Bezirke der Stadt und alle Menschen verbindendes Brauchtumsfest gibt. Solche Feste prägen aber die Identität der Menschen und ihrer Gemeinschaften und ich empfinde das Fehlen solcher verbindenden Feste als Armut. Allerdings weiß ich, dass man Traditionen und regionale Gegebenheiten nicht einfach in andere Gegenden übertragen kann. Sie müssen wachsen und sich entwickeln. Es dauert immer eine gute Zeit, bis sie in den Herzen der Menschen Raum und Stabilität finden.
Was ich am wenigsten in Berlin vermisse und wofür ich am dankbarsten bin, ist der liebe Gott selbst. Er lebt hier mitten unter uns. Ich sage immer wieder, auch wir hier in Berlin und in Brandenburg und in Vorpommern sind Gottes heiliges Land. Ich bin immer wieder überrascht, wie sehr der Glaube hier manchmal an unerwarteten Stellen und Zeiten aufbricht bei Menschen, bei denen ich ihn nie vermutet hätte, und ich bin immer wieder froh und dankbar zu sehen, wie viel wir für den Glauben im Herzen der Menschen doch bewegen können.
