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Flut 2021:Die Schreckensnacht prägt bis heute das Denken und Handeln

Noch sind die Spuren der Flut in Gemünd allgegenwärtig.Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe zieht Christoph Kammers Bilanz. Der langjährige Bezirksbundesmeister und Brudermeister koordinierte für die Schützen die Aufräumarbeiten und den Wiederaufbau in seinem Heimatort Gemünd. Sein Fazit: Das Trauma bleibt.
Datum:
14. Juli 2026
Von:
BHDS | Horst Thoren

In Gemünd erinnert ein Gedenkstele an die neun Toten der Flutnacht in der Stadt Schleiden. Zerstörte Häuser entstanden neu. Doch ist an vielen Stellen im Ort erkennbar, wo die Wassermassen am 14. Juli 2021 wüteten. Was bestimmt das Denken und Handeln der Menschen fünf Jahre danach? Wie ist das persönliche Empfinden eines Mannes, der die Nacht des Schreckens vor Ort miterlebt hat?

KAMMERS Eine solche nach wie vor unvorstellbare Katastrophe bleibt bei allen, die diese Nacht und die Tage danach unmittelbar miterlebt haben, auch nach fünf Jahren im Gedächtnis – und wird es ein Leben lang bleiben. In jedem Jahr wird am 14. Juli der Opfer gedacht. Aber ich bin mir sicher, dass bei vielen Menschen unzählige Male im Jahr die Erinnerung wieder hochkommt. Unser Haus befindet sich etwas bergan etwa 200 Meter  von der Urft entfernt. Dort habe ich in dieser Nacht in der Dunkelheit bei tosendem Rauschen und Gestank Stunden vor der Haustür gestanden und den Wasserstand beobachtet, der dann an der Stufe zum Erdgeschoß stoppte. Ich konnte mir zu diesem Zeitpunkt aber nicht im Entferntesten vorstellen, dass nur wenige hundert Meter entfernt alleine in Gemünd sieben Menschen ertrunken sind – darunter auch ein früherer Schützenkönig unserer Bruderschaft. Was den Wiederaufbau angeht, nehme ich ein zwiespältiges Bild wahr. Die meisten Bürger konnten inzwischen ihr Haus oder ihre Wohnung sanieren oder neu errichten. Manche sind in höher gelegene Wohngebiete der Stadt Schleiden umgezogen. Dies wurde ermöglicht durch Versicherungszahlungen und dank der Wiederaufbauhilfe NRW, ergänzt durch persönliche Rücklagen und Spendengelder aus Hilfsfonds. Auch viele Geschäfte und Läden in der Ortsmitte konnten auf diese Weise wieder eröffnen. Gleichwohl gibt es noch einige größere ortsprägende Geschäftshäuser, die seit der Flut brachliegen. Auch bei öffentlichen Gebäuden und bei Straßen und Wegen ist längst noch nicht alles fertig, was zu zunehmender Ungeduld in der Bürgerschaft führt. Bürgermeister Ingo Pfennings und seine Verwaltung bemühen sich, den Bürgern zu erklären, dass der gesamte Wiederaufbau ein Zehn-Jahres-Projekt sein wird. Dieses Projekt umfasst 466 einzelne Maßnahmen und dafür wurden vom Land NRW 227 Millionen Euro bewilligt. Damit ist die Stadt Schleiden die am stärksten betroffene Kommune in NRW bei der Schadenssumme pro Einwohner. Bisher wurden 207 Maßnahmen begonnen (teilweise auch schon abgeschlossen) und dafür gut 100 Millionen Euro aufgebracht. Ich vernehme in letzter Zeit häufiger Stimmen, denen alles zu langsam geht oder die meinen, alles könnte gleichzeitig angepackt werden. Aber so leicht ist das nicht. 

 

Der Flut folgte eine Welle der Hilfsbereitschaft. Spontan kam Menschen aus anderen Regionen in die Eifel, um mit anzupacken, Schlamm und Schutt wegzuräumen, die ärgsten Schäden zu beseitigen. Auch zahlreiche Schützen packten mit an. Sach- und Geldspenden halfen, die erste Not zu lindern. Wie war es, Hilfsaktionen zu organisieren? Gibt es noch heute Kontakt zu den Hilfsgruppen von damals?

KAMMERS Die Unterstützung sowohl durch die unzähligen freiwilligen Helfer aus nah und fern sowie die Geld- und Sachspenden war in der Tat gigantisch. Da bekomme ich jetzt noch Gänsehaut, wenn ich darüber spreche. Insofern war es für mich selbstverständlich, dies mit anderen zu koordinieren. Aus den Schützenkreisen waren die Schützen aus den Höhenorten unseres Bezirksverbands Schleiden und dem benachbarten Bezirksverband Monschau die Ersten, die schon am Wochenende nach der Flut in großer Zahl anrückten, um überall mit anzupacken. Auch die Bruderschaften aus Korschenbroich starteten eine gute Woche nach der Flut eine große Helfer- und auch Spendenaktion. Der Diözesanverband Paderborn hatte Gelder aus einer bemerkenswerten Spendenaktion örtlichen Bezirksverbänden zur Verteilung an bedürftige Bürger zur Verfügung gestellt. Weitere Geld- und Sachspenden kamen von Schützen  aus Hülchrath, Born, Oedt und Oberbeberich, aber auch aus den Diözesanverbänden Köln und Münster,  dem Sauerland, Bayern, Sachsen, Thüringen, Norddeutschland und sogar dem Ötztal. Auch hier bestehen häufig noch Kontakte. Darüber hinaus haben sich auf privater Ebene viele dauerhafte Freundschaften mit gegenseitigen Besuchen entwickelt.  

Auch das Schützenhaus mit Schießstand wurde von den Wassermassen weggerissen. Sicherlich gab es im Juli 2021 größere Sorgen als die, das Schützenhaus wieder herzurichten. Dennoch begannen schon bald die Planungen. Wie ist der Stand der Dinge im Juli 2026? 

KAMMERS Wir konnten inzwischen Richtfest feiern. Vom Land gibt es 2,4 Millionen. Bis Ende dieses Jahres soll alles weitestgehend fertig sein – Schießstand wie Schützenhaus.

Gelobt wird der Zusammenhalt in den von der Flut betroffenen Gemeinden. Hilfe aus der Nachbarschaft und von Vereinen war wohl entscheidend dafür, dass die Menschen sich nicht allein gelassen fühlten. Welche Rolle spielten dabei die Schützen und ihre Feste? 

KAMMERS Ich möchte das nicht nur auf uns Schützen beziehen. Das Leben und das Miteinander war nie wirklich weg aus Gemünd. Schon in den Wochen nach der Flut entstanden zunächst privat organisierte Treffen von Anwohnern mit Helfern in einzelnen Straßen. Das Wichtigste war, sich alles Erlebte von der Seele zu reden. In dem Maße, in dem bei jedem dann im Laufe der Zeit etwas mehr Normalität eingekehrt ist, wuchs auch bei vielen wieder das Bedürfnis, miteinander zu feiern und Spaß zu haben. Viele Vereine mussten oder müssen heute immer noch improvisieren, aber die Vereine sind schon seit 2022 wieder aktiv. Sei es an Kirmes, beim Karneval, beim Schützenfest oder anderen Events, alle Veranstaltungen erfreuen sich eines großen Zuspruchs. Ich persönlich habe sogar den Eindruck, dass viele Gemünder die Möglichkeiten des persönlichen Miteinanders noch mehr zu schätzen wissen, als vor der Flut.

 

Christoph Kammers, Bezirksbundesmeister 2009-2024

Was ist fünf Jahre danach der größte Wunsch der Menschen in Gemünd? Mit welcher Gefühlslage geht einer der Hauptorganisatoren des Wiederaufbaus in diesen Gedenktag? Wie sieht die Bilanz des Christoph Kammers aus?

KAMMERS Ich glaube, der größte Wunsch ist derzeit, dass wirklich alle Spuren der Flut aus dem Ortsbild verschwinden. Aber das wird leider noch ein paar Jahre dauern. Insofern gilt es umso mehr, die Menschen auf andere Weise zufriedener und glücklicher zu machen. Ich persönlich ziehe mit Blick auf die vergangenen fünf Jahre insgesamt ein positives Fazit. Auch wenn diese Zeit sehr kraftraubend und an der ein oder anderen Stelle mit ärgerlichen, meist versicherungstechnischen Stolpersteinen versehen war, haben alle beteiligten Behörden und Organisationen ihr Bestes gegeben, um den Menschen wieder eine Perspektive zu geben. Unser Dank gilt allen, die uns vielfältig unterstützt haben. Angefangen vom Bürgermeister über den Kreis bis hin zu Heimatministerin Ina Scharrenbach und der Bezirksregierung habe ich die Zusammenarbeit stets engagiert, konstruktiv und zielorientiert wahrgenommen. Das Gleiche gilt für die vielen gemeinnützigen und kirchlichen Organisationen, die sich hier vor Ort engagiert haben und noch engagieren. Gemünd ist aus meiner Sicht näher zusammengerückt. Und unser Städtchen wird – wenn alles fertig ist – schöner dastehen als vor der Katastrophe.