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Interview mit Herbert Reul:„Feste dürfen nicht an zu hohen Auflagen scheitern“

Der Landesinnenminister NRW spricht zu Beginn der Kimes-Saison über die aktuelle Gefährdungslage, notwendige Polizeipräsenz und die Frage der Verhältnismäßigkeit von Sicherheitskonzepten.
NRW Innenminister Herbert Reul
Datum:
3. Juni 2026
Von:
BHDS / Horst Thoren - Bild: NRW-Innenministerium

Herr Minister, die Zeit der Volks- und Heimatfeste hat im Mai begonnen. Jetzt wird überall im Land gefeiert. Hunderttausende Besucher zieht es an jedem Wochenende auf die Fest- und Kirmesplätze. Ist mit Blick auf die Anschläge der Vergangenheit unbeschwertes Miteinander möglich? Wie groß ist nach Ihrer Einschätzung die aktuelle Gefährdungslage?

Reul: Volks- und Heimatfeste sind für viele Menschen ein echtes Highlight im Jahr. Da kommen Jung und Alt zusammen, da wird gelacht, gesungen und einfach das Leben genossen. Das dürfen wir uns auch nicht nehmen lassen. Natürlich spüren wir, dass die Krisen dieser Welt auch bei uns angekommen sind. Das sorgt bei vielen für ein mulmiges Gefühl. Die Gefährdungslage ist nach wie vor auch abstrakt hoch. Aber unsere Sicherheitsbehörden machen ihre Arbeit. Polizei und Verfassungsschutz tun alles dafür, dass nichts passiert. Zur Wahrheit gehört aber auch, hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht.

In einem Erlass aus Ihrem Haus sollen Sie die Polizeibehörden angewiesen haben, bei den Sicherheitskonzepten Augenmaß walten zu lassen und die Veranstalter nicht zu überfordern. Welche Verantwortung tragen die Ausrichter der Feste - häufig gemeinnützige Vereine - für die Sicherheit? Wo können Polizei- und Ordnungsbehörden den Veranstaltern hilfreich zur Seite stehen?

Reul: Sicherheitsvorkehrungen machen niemandem Spaß, aber sie sind notwendig. Am Ende geht es darum, dass alle Menschen gesund wieder nach Hause kommen. Veranstalter kennen ihre Veranstaltung und die Gegebenheiten vor Ort am besten und tragen die Verantwortung. Deswegen müssen sie zusammen mit den Kommunen individuelle Sicherheitskonzepte entwickeln. Aber sie stehen nicht alleine da. Sicherheit ist eine gemeinsame Aufgabe. Das Land unterstützt mit einem Orientierungsrahmen. Er soll Kommunen und Veranstalter dabei unterstützen, gemeinsam angepasste Lösungen zu finden. Die Polizei berät dabei. Wir müssen darauf achten, dass die Anforderungen an Veranstalter verhältnismäßig bleiben. Gerade kleinere Feste dürfen nicht an zu hohen Auflagen scheitern. Lückenlos absichern kann man ohnehin nichts.

Für die Fußball-Bundesliga gibt es umfassende Wegbegleitung durch Polizei- und Ordnungsbehörden. Lokale Veranstalter von Kirmes- und Volksfesten müssen dagegen häufig selbst tätig werden, um ihre Feste zu schützen. Das führt zu erheblichen Ausgaben für Begleitpersonal und Absperrungen. Müssten nicht hoheitliche Aufgaben - wie die Terrorabwehr - von der Polizei wahrgenommen werden?

Reul: Ob Stadion oder Volksfest, Sicherheitsdienste sind da nicht mehr wegzudenken. Die Abwehr von Terrorgefahren und schweren Straftaten bleibt jedoch ganz klar Aufgabe des Staates. Dafür sind unsere Sicherheitsbehörden da. Trotzdem gehört nun mal auch zur Verantwortung eines Veranstalters, sich um die eigene Veranstaltung zu kümmern. Ein Volksfest ist und bleibt keine staatliche, sondern eine zivilgesellschaftliche oder kommunale Veranstaltung, mit der übrigens auch Geld verdient wird. Wichtig ist die Balance. Ich bezweifle, dass die Menschen auf ihren Festen so viele Polizisten haben wollen wie beim Fußball.

Die Auflagen für die Veranstalter unterscheiden sich nicht selten von einer Stadt zur anderen. Welche Möglichkeiten sehen Sie zu einheitlichen, verlässlichen Standards zu kommen?

Reul: Es ist richtig, dass es vor Ort Unterschiede geben kann. Das liegt auch daran, dass jede Veranstaltung und jeder Veranstaltungsort eigene Besonderheiten mit sich bringen. Die Cranger Kirmes stellt andere Anforderungen als ein Schützenfest auf dem Dorf oder ein Veedelfest in der Kölner Innenstadt. Trotzdem brauchen wir einen Rahmen, an dem sich alle orientieren können. Unser Orientierungsrahmen funktioniert dabei wie eine Art Handbuch. Verpflichtende Regelungen zu Schutzmaßnahmen ergeben sich daraus nicht unmittelbar. Und auch keine Kosten. Am Ende braucht es individuelle Lösungen, die vor Ort funktionieren. Veranstalter und Kommunen arbeiten da – so wie ich das mitbekomme – vertrauensvoll zusammen.

Wie wäre es, wenn zwischen Maßnahmen zur Eigensicherung einer Veranstaltung und solchen zur Gefahrenabwehr unterschieden und damit auch die Verantwortung geteilt würde? Würde das nicht gegebenenfalls die Genehmigungsbehörden davon abhalten, zu hohe Anforderungen zu stellen?

Reul: Die Sicherheitsbehörden haben die Großwetterlage im Blick. Sie treffen allgemeine Gefahrenbewertungen anhand von Entwicklungen, etwa in den extremistischen Szenen. Und die Polizei vor Ort berät bei der Planung von Veranstaltungen. Wir können aber keine Musterplanung für alle Feste aus Düsseldorf heraus liefern. Gerade das würde verhindern, dass man vor Ort angepasste Vorkehrungen treffen und auch Augenmaß walten lassen kann. Jeder Veranstaltungsort hat seine Besonderheiten. Daher ist es wichtig, für jede konkrete Veranstaltung gemeinsam die beste und sicherste Lösung vor Ort zu finden. Es geht darum, Sicherheit zu gewährleisten, ohne Engagement unnötig zu erschweren. Ob jede einzelne Maßnahme am Ende notwendig gewesen ist, ist Kaffeesatzleserei.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Besuchen Sie trotz allem gerne Volks- und Heimatfeste?

Reul: Ich bin Rheinländer. Wir haben das Feiern im Blut - ob Karneval, Schützenfest oder Kirmes. Gerade in herausfordernden Zeiten ist es wichtig, dass wir diese Orte der Gemeinschaft und Lebensfreude bewahren. Ich besuche solche Feste sehr gerne und tue das auch weiterhin. Denn bei aller notwendigen Wachsamkeit gilt: Wir dürfen uns unsere Lebensfreude nicht nehmen lassen.

Auf der Infoseite des NRW Innenministeriums zu Sicherheit bei Veranstaltungen sind Hilfestellungen für Kommunen und Veranstalter zu finden. Ebenso wird der von Innenminister Reul angesprochene Orientierungsrahmen vorgestellt, der als Leitfaden für die Planung, Genehmigung und Durchführung von Veranstaltungen mit erhöhtem Gefährdungspotenzial dient.

Er beschreibt strukturierte Verfahren, organisatorische Abläufe sowie Anforderungen an Sicherheitskonzepte und stellt praktische Arbeitshilfen bereit, um Veranstaltungen sicher zu ermöglichen und kontinuierlich zu verbessern.

https://www.im.nrw/themen/gefahrenabwehr/sicherheit-vor-ort/sicherheit-bei-veranstaltungen