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Fünf Fragen an DRK-Präsident Hermann Gröhe:„Große Hitze ist eine ernste Gefahr, die immer noch unterschätzt wird“

Der neue DRK-Präsident Hermann Gröhe, bis zur Bundestagswahl Spitzenpolitiker in Berlin, fordert beim Hitzeschutz klare Warnsysteme. Der ehemalige Bundesgesundheitsminister hat auch konkrete Vorstellungen, wie die vielen ehrenamtlichen Helfer besser unterstützt werden können. Er beklagt die zunehmenden Angriffe auf Rettungskräfte. Den Bevölkerungsschutz sieht Gröhe als Versprechen, im Notfall nicht allein zu sein.
Hermann Gröhe, DRK-Präsident
Datum:
17. Sept. 2026
Von:
BHDS | Horst Thoren

Der geplante Pakt der Bundesregierung für den Bevölkerungsschutz bezieht auch das Deutsche Rote Kreuz mit ein. Was muss getan werden, dass Deutschland bei Krisen wie Hochwasser, Stromausfällen oder extremen Hitzewellen besser geschützt ist?

Gröhe: Es kommt darauf an, dass wir auf unterschiedlichste Krisen dauerhaft gut vorbereitet sind. Nur gute Vorsätze zu fassen, wenn gerade ein Hochwasser oder ein großer Stromausfall die Schlagzeilen bestimmen, reicht nicht aus.   Und zu oft erlahmt auch der Eifer schnell nach einer Katastrophe,  so dass hehre Vorsätze nur teilweise umgesetzt werden.

Dabei haben die  vergangenen Jahre  uns gezeigt, wie schnell Menschen durch solche Ereignisse in große Not geraten können. Die beste Hilfe beginnt lange vor einer Katastrophe. Wir brauchen klare Pläne und müssen regelmäßig üben. Die Menschen, die im Ernstfall helfen, müssen gut ausgebildet sein und sich auf eine angemessene Ausrüstung verlassen können. Und auch die Bevölkerung selbst sollten wissen, wie sie sich in einer Krise verhält und wo sie Hilfe findet.

Das Deutsche Rote Kreuz hat aus den großen Katastrophen der vergangenen Jahre gelernt. Wir haben unsere Hilfe weiter ausgebaut und unsere Vorbereitung verbessert. Aber Bevölkerungsschutz ist keine Aufgabe, die eine Stelle allein bewältigen kann. Staat, Hilfsorganisationen und die Menschen vor Ort müssen dabei eng zusammenarbeiten.

Ich begrüße deshalb, dass die Bundesregierung mit dem Pakt für den Bevölkerungsschutz dieses Thema stärker in den Blick nimmt. Jetzt kommt es darauf an, dass daraus eine verlässliche und dauerhafte Vorsorge wird. Denn auf gute Vorbereitung kommt es immer an – nicht erst, wenn die nächste Krise da ist.

Die extremen Temperaturen der vergangen Wochen haben Tausende Todesopfer gefordert. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Maßnahmen von Hitzeaktionsplänen? Welche Aufgaben kann dabei das DRK übernehmen?  

Gröhe: Große Hitze ist eine ernste Gefahr. Trotzdem wird sie noch immer unterschätzt. Dabei sind es oft nicht einzelne heiße Tage, sondern mehrere Tage und Nächte hintereinander, die Menschen an ihre Grenzen bringen. Gerade Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Rettungsdienste und soziale Dienste müssen darauf gut vorbereitet sein. Sie brauchen klare Abläufe und gut ausgebildete Haupt- und Ehrenamtliche. Denn wer anderen helfen soll, muss selbst gesund und einsatzfähig bleiben.

Viele Pflegeeinrichtungen und Pflegedienste haben dafür bereits gute Pläne. Darin ist festgelegt, was schon vor einer Hitzewelle vorbereitet wird und was an besonders heißen Tagen wichtig ist. Dazu gehört zum Beispiel, dass ausreichend Getränke bereitstehen, Räume möglichst kühl gehalten werden und leichte Mahlzeiten angeboten werden.

Die vielen Haupt- und Ehrenamtlichen des Deutschen Roten Kreuzes helfen in vielen Fällen auf recht einfache Weise. Sie sprechen bei Hausbesuchen über den richtigen Umgang mit großer Hitze, geben Hinweise und schauen besonders nach Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind.

Besonders gefährlich wird es, wenn die Nächte kaum noch Abkühlung bringen. Dann können sich vor allem ältere und pflegebedürftige Menschen nicht mehr richtig erholen. Die Hitzewelle im Juni hat uns deshalb noch einmal deutlich vor Augen geführt, dass wir Pflegeeinrichtungen besser auf große Hitze vorbereiten müssen. Dazu gehört auch die Frage, wie Gebäude besser gekühlt werden können. Das gilt genauso für Menschen, die zu Hause gepflegt werden.

Neben den nötigen politischen Entscheidungen kommt es aber immer auch auf das Miteinander vor Ort an. Das Deutsche Rote Kreuz bringt hier seine Erfahrung aus Rettungsdienst, Pflege und Bevölkerungsschutz ein.  

Die DRK-Helfer, die überall im Land ihren Dienst tun, sind meist ehrenamtlich tätig. Erfahren diese Ehrenamtler die notwendige Anerkennung? Vermissen Sie staatliche Hilfen für die Nothelferinnen und Nothelfer? Wie bewerten Sie die zunehmenden Übergriffe auf Rettungskräfte?

Gröhe: Die vielen Menschen, die sich im Deutschen Roten Kreuz für andere einsetzen, erfahren viel Dankbarkeit. Das erlebe ich immer wieder. Aber Dankbarkeit allein reicht nicht. Wer sich für andere einsetzen will, braucht auch gute Bedingungen. Familie, Beruf und Ehrenamt müssen zusammenpassen. Wer weiß, dass die eigenen Kinder gut betreut sind oder pflegebedürftige Angehörige gut versorgt werden, kann sich leichter Zeit für andere nehmen.

Dazu gehört auch, dass alle Ehrenamtlichen im Bevölkerungsschutz gleich behandelt werden. Für Feuerwehr und Technisches Hilfswerk gibt es klare Regeln. Solche verlässlichen Regeln brauchen auch die anerkannten Hilfsorganisationen. Es kann nicht richtig sein, dass Ehrenamtliche Urlaub nehmen müssen, um Menschen in einer Notlage zu helfen.

Mit großer Sorge sehe ich die zunehmenden Anfeindungen gegen Menschen, die helfen. Das betrifft nicht nur Rettungskräfte, sondern auch Haupt- und Ehrenamtliche im Katastrophenschutz, im Zivilschutz und in der Wohlfahrtsarbeit. Wer anderen hilft, muss selbst geschützt werden. Dazu gehören eine gute Vorbereitung auf schwierige Einsätze, Unterstützung nach belastenden Erlebnissen und ein klares Zeichen der Gesellschaft: Gewalt gegen Helferinnen und Helfer ist niemals hinnehmbar.

Bei allen schwierigen Entwicklungen sollten wir eines nicht vergessen, dass in unserem Land jeden Tag unzählige Menschen Verantwortung für andere übernehmen. Dafür bin ich sehr dankbar. Dieses Miteinander macht unser Land menschlicher und stärker.

Als ehemaliger Bundesgesundheitsminister kennen Sie sich im deutschen Gesundheitssystem bestens aus. Worin sehen Sie die größten Herausforderungen für Pflege und Notfallversorgung?

Gröhe: In der Pflege und in der Notfallhilfe fehlt es vor allem an Zeit und Personal. Gleichzeitig werden immer mehr Menschen auf Hilfe angewiesen sein. Deshalb müssen wir alles dafür tun, dass Pflegekräfte und alle, die im Gesundheitswesen arbeiten, gute Bedingungen haben. Sie sollten möglichst viel Zeit für die Menschen haben und möglichst wenig Zeit mit Verwaltungsarbeit verbringen. Neue digitale Möglichkeiten können dabei helfen.

Genauso wichtig ist, dass Pflege bezahlbar bleibt. Niemand sollte sich Sorgen machen müssen, ob er oder sie die notwendige Pflege noch bezahlen kann. Das gilt auch für die Angehörigen, die oft einen großen Teil der Verantwortung tragen.

Auch bei der Notfallversorgung kommt es darauf an, dass die verschiedenen Bereiche gut zusammenarbeiten. Menschen in großer Not dürfen nicht zwischen Zuständigkeiten von Gemeinden, Landkreisen, Ländern und Bund verloren gehen. Wir brauchen eine Versorgung, die sich an den Menschen ausrichtet und nicht an den Grenzen einzelner Einrichtungen.

Als Deutsches Rotes Kreuz erleben wir jeden Tag, wo Menschen Unterstützung brauchen. Diese Erfahrung bringen wir gern in die politische Arbeit ein. Am Ende sollte bei jeder Entscheidung eine einfache Frage stehen: Hilft sie den Menschen? Daran sollten wir unser Handeln messen.

Herman Gröhe ist Schützenbruder

Als überzeugter Schütze in ihrer Heimatstadt Neuss stehen Sie dem Brauchtum nahe. Als Präsident stellen Sie sich, ihre Fähigkeiten und vielfältigen Kontakte in den Dienst des Deutschen Roten Kreuzes. Wie können Schützen und DRK bei Notfällen besser kooperieren? Welche Bedeutung hat das Schützenwesen aus Sicht des DRK für das gesellschaftliche Miteinander?

Gröhe: Zwischen Schützen und Rotkreuzlern gibt es ja vielfach ein gutes Miteinander!  Wenn ich mit meinem Schützenzug nach dem Umzug auf die Neusser Festwiese marschiere, ziehen wir an den Zelten des DRK-Sanitätsdienstes vorbei. Die dortigen Ehrenamtlichen, aber auch Johanniter und Malteser sind an den "Tagen der  Wonne" im verstärkten Einsatz, damit wir unbeschwert feiern können. Umgekehrt treffe ich im Neusser DRK-Vorstand nicht wenige Schützen. Einander zu helfen wird ja in vielen Schützenzügen wirklich auch praktisch gelebt. Dazu gehört bei  aller Fröhlichkeit auch Achtsamkeit, etwa wenn die Hitze einem Kameraden zu schaffen macht.  Und in Neuss ruft der Schützenkönig zum Blutspenden auf, verdanken wir einem seiner Vorgänger die großartige Aktion "Schützen gegen Krebs" ,  die sehr erfolgreich Spenden einwirbt, um Krebserkrankten eine Bewegungstherapie zu ermöglichen.

Wir Schützen und wir Rotkreuzler passen einfach gut zueinander und leisten einen unverzichtbaren Beitrag zum Zusammenhalt der Menschen in unserer Heimat!