Der Vogelbauer vom Niederrhein geht in Rente:Michael „Mackel“ Herbst baut nach 37 Jahren seinen letzten Schützenvogel
Wenn in Haldern künftig die Schützen auf den Vogel anlegen, wird etwas fehlen. Nach 37 Jahren endet in diesem Jahr eine besondere Ära: Schreinermeister Michael Herbst baut seinen letzten Königsvogel.
1990 hatte alles begonnen. Damals übernahm „Mackel“, wie ihn im Dorf nahezu jeder nennt, die Aufgabe von Bernhard Giesen, dem anderen Schreinermeister im Ort. Was zunächst nach klassischer Vereinsarbeit klang, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einem außergewöhnlichen Zusammenspiel aus Handwerk, technischem Verständnis und gelebtem Schützenbrauchtum.
Der Anlass war durchaus pragmatisch. In vielen Zügen gab es Kritik: Die Schussflächen der damaligen Vögel waren oft zu klein, Preise fielen zu schnell, nicht jeder Schütze kam überhaupt noch zum Zug. „Teilweise konnten ganze Züge nicht mehr auf die Preise schießen“, erinnert sich Herbst. Für ihn war schnell klar: Ein Vogel musste nicht nur gut aussehen, er musste auch funktionieren. Und vor allem musste er fair sein. Denn die Verantwortung sei größer, als viele glaubten. Die Schützenfeste seien eng getaktet, Verzögerungen kaum möglich. „Kritiker gibt es immer schnell und genügend“, sagt Herbst mit einem Schmunzeln.
Die ersten Modelle entstanden noch nach Gefühl und optischer Wirkung. Doch mit den Jahren wurde der Vogelbau immer professioneller. Maße, Materialstärken und Schussflächen wurden genauer geregelt. Herbst begann zu experimentieren mit Holzarten, Verleimungen und Konstruktionen. In seiner Werkstatt führte er sogar eigene Beschusstests durch, um herauszufinden, wie tief Kugeln in unterschiedliche Holzfasern eindringen und wie sich Hohlräume auf die Stabilität auswirken.
Was nach Ballistik klingt, hatte ein klares Ziel: möglichst faire Bedingungen für alle Schützen. Über Jahre entwickelte der Schreinermeister die Konstruktionen weiter. Flügel wurden breiter, Schussflächen vergrößert, einzelne Elemente neu angeordnet. Krone und Schwanz kamen als zusätzliche Preise hinzu, damit mehr Schützen bis zum Schluss am Wettbewerb teilnehmen konnten. Gleichzeitig achtete Herbst darauf, dass die Vögel trotz aller technischen Anforderungen ihre elegante Form behielten.
Und diese Vögel waren oft kleine Kunstwerke. Embleme und Symbole erzählten Geschichten aus dem Leben der Majestäten. Mal zierte sogar ein Firmenlogos die Brust. Andere Vögel wurden in Vereinsfarben gestaltet. Für einen ehemaligen König und Schalke-Anhänger mischte Herbst sogar eigens ein „Königsblau“ an, das möglichst nah an die Vereinsfarbe herankam.
In den vergangenen Jahren entwickelte er zusätzlich kleine Erinnerungsstücke, die der König beim Ehrenschuss selbst abschießen konnte. Nur mit einem einzigen Holzdübel gesichert, fielen diese Andenken oft schon nach wenigen Treffern zu Boden, eine ganz persönliche Erinnerung für die jeweilige Majestät.
Besonders in Erinnerung geblieben ist vielen ein Königsvogel von 2005: über 1,24 Meter breit, aufwendig bemalt und bis ins kleinste Detail gestaltet. „Der ein oder andere Schütze hat sogar geweint“, erzählt „Mackel“ heute mit einem Lächeln. Nicht aus Enttäuschung, sondern weil dieses Kunstwerk fast zu schade zum Abschießen war.
Doch Michael „Mackel“ Herbst prägte das Schützenwesen nicht nur mit Säge, Leim und Farbe. Er erfand auch die „Vogeltaufe“. Die reine Übergabe der neuen Königsvögel war ihm zu nüchtern. Stattdessen schuf er einen eigenen Abend, an dem die neuen Vögel vorgestellt wurden. Mit Musik, Geschichten und einem gemeinsamen Rückblick auf das vergangene Schützenjahr. Könige, Vorstände, Musiker und der gesamte Thron kamen zusammen, um die neuen Königsvögel erstmals zu sehen.
Später folgte dann noch die Vorstellung der Vögel im Altenheim. Dort präsentierte Herbst die neuen Vögel den Bewohnern, erzählte Schützendönekes und brachte ein Stück Schützenfest zu den Menschen, die selbst oft nicht mehr teilnehmen konnten. Aus einer einfachen Idee wurde über die Jahre eine liebgewonnene Tradition.
Der Vogelbau blieb für Herbst dabei immer weit mehr als Routine. Jeder Vogel war anders, jede Konstruktion eine neue Herausforderung. Selbst die Aufhängung wurde technisch weiterentwickelt, damit sich die Vögel beim Schießen nicht verdrehten oder unkontrolliert brachen. Gemeinsam mit Paul Kortenhorn, Metallbaumeister und Schießmeister im Verein, entwickelte Herbst Lösungen, die das Abschießen kontrollierbarer machten. Trotzdem blieb immer ein kleines Restrisiko. Genau das machte für ihn auch den Reiz aus.
Seine Werkstatt wurde über Jahrzehnte zu einer Mischung aus Schreinerei, Ideenschmiede und technischem Labor. Dabei verlief nicht immer alles ohne Rückschläge. Am Tag des Bundesfestes 2004 in Korschenbroich brannte Herbsts große Werkstatt nach einem technischen Defekt vollständig ab. Im Jahr darauf entstanden die einzigen „Zugvögel“, wie er sie nannte. Auf der „falschen Rheinseite“ in einer gepachteten Schreinerei.
Nun endet dieses Kapitel. Der letzte Vogel ist gebaut – Königsvogel, Vizekönigsvogel, Jungschützen- und Kinderkönigsvogel inklusive. Danach wird es ruhiger in der kleinen Rest-Werkstatt von Michael „Mackel“ Herbst.
Was bleibt, sind weit mehr als hundert Schützenvögel. Es bleiben Erinnerungen an spannende Wettbewerbe, kreative Ideen und an einen Mann, der das Brauchtum nie als Stillstand verstanden hat. Michael „Mackel“ Herbst hat den Vogelbau in Haldern geprägt wie kaum ein anderer. Mit handwerklicher Präzision, technischem Erfindergeist und vor allem mit viel Liebe zum Schützenwesen.

