Fünf Fragen an NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach:„Schützen sind ein wichtiger Bestandteil der DNA unseres Landes“

Sie vertreten die Ansicht, dass Heimat nicht politisch definiert werden sollte, da jeder etwas anderes darunter verstehe. Deshalb die Frage: Wie beschreiben Sie Ihren persönlichen Heimatbegriff?
Scharrenbach: In der Politik wird viel über Heimat gesprochen - aber Heimat ist kein Zustand, den man einfach besitzt. Heimat ist vielmehr eine Aufgabe, die jeden Tag zusammen gestalten werden will. Heimat entsteht dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, wo Vielfalt nicht trennt, sondern verbindet, und wo aus Nachbarschaft Gemeinschaft wird. Das kann ein Ort sein, an dem man geboren wurde. Es kann aber genauso der Ort sein, an dem man angekommen ist, Familie gegründet hat, Nachbarn kennt, sich im Verein engagiert oder einfach sagt: Hier gehöre ich hin. Für mich persönlich ist Heimat sehr stark mit Menschen verbunden: mit Familie, Freunden, Nachbarschaft, Ehrenamt, Verlässlichkeit. Deshalb ist Heimat auch nichts Rückwärtsgewandtes. Heimat lebt davon, dass Menschen sie jeden Tag neu gestalten. Heimat grenzt nicht aus, sondern lädt ein. Wer sich einbringt, wer Verantwortung übernimmt, wer Gemeinschaft stärkt, der ist Teil von Heimat.
Ihr Ministerium fördert mit unterschiedlichen Programmen heimatbezogene Initiativen. Was ist der Maßstab für diese Förderung? Geht es eher um Traditionen oder mehr um Miteinander?
Scharrenbach: Es geht nicht um ein Entweder-Oder. Traditionen sind wichtig, weil sie Orientierung geben, Geschichte sichtbar machen und Generationen verbinden. Aber Traditionen bleiben nur lebendig, wenn sie gelebt werden. Dabei sind die vielen Ehrenamtlichen die tragende Säulen unseres Gemeinwesens in Nordrhein-Westfalen. Das durch sie gestaltete Brauchtum ist fester Bestandteil von Identität und Identifikation unserer Bürgerinnen und Bürger in unserem schönen Land Nordrhein-Westfalen. Tagtäglich setzen sich in unserem Land ehrenamtliche Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche für den Erhalt von Traditionen, für die Pflege des Brauchtums, für die Erhaltung und Stärkung des regionalen Erbes und der Vielfalt ein. Sie stärken mit ihrem Engagement unsere Gesellschaft und die Gemeinschaft in vielfältiger Art und Weise. Sie tragen dazu bei, dass unsere Traditionen und Werte bewahrt und nach vorne entwickelt werden und an die nächste Generation weitergegeben werden. Nur eine Politik, die wertschätzt, was Menschen jeden Tag in unserem Land im Großen und vielmehr im Kleinen leisten, wird dazu beitragen, dass unsere Heimat bewahrt und gleichzeitig für die Zukunft gestaltet werden kann. Erstmals in der Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen wurde 2017 ein Ministerium für Heimat geschaffen, um das vielfältige, vor allem ehrenamtliche Engagement von Bürgerinnen und Bürger für ihre Heimat und in den Städten und Gemeinden zu fördern. Das kann Brauchtumspflege sein, das kann die Aufarbeitung lokaler Geschichte sein, das kann ein Denkmalpfad, eine Dorf-App, ein Stadtteilprojekt oder eine Begegnung zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen sein. Das landeseigene Förderprogramm "Starke Heimat Nordrhein-Westfalen" mit seinen fünf Förderelementen "Heimat-Scheck", "Heimat-Preis", "Heimat-Fonds", "Heimat-Werkstatt" und "Heimat-Zeugnis" wurde auch im Jahr 2025 rege genutzt, um Vorhaben für die Gestaltung von Heimat und Stärkung der Gemeinschaft realisieren zu können. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Bewilligung um rund acht Prozent an. Seit dem Start dieses Nordrhein-Westfalen-Programms im August 2018 wurden bis Ende 2025 mittlerweile mit insgesamt rund 117 Millionen Euro rund 8.720 kleine und große Vorhaben gefördert, die Menschen auf vielfältige Weise und in ihrer Vielfalt miteinander verbinden, Identität und Identifikation stärken sowie Heimatgeschichte bewahren und weiterentwickeln.
Was sagt Ihnen das Leitwort der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften "Für Glaube, Sitte und Heimat"? Lässt sich das überlieferte Heimatverständnis mit den Anforderungen einer multikulturellen Gesellschaft verbinden?
Scharrenbach: Dieses Leitwort ist historisch gewachsen und steht für Werte, die vielen Schützenbruderschaften bis heute wichtig sind: Verantwortung, Haltung, Verlässlichkeit, Gemeinschaft und Dienst am Nächsten. Entscheidend ist aus meiner Sicht, wie solche Begriffe heute gelebt werden. "Heimat" bedeutet, füreinander einzustehen, das Gemeinwesen zu stärken und Menschen einzuladen, sich einzubringen, dann ist das hochaktuell. Unsere Gesellschaft braucht Orte, an denen Begegnung stattfindet. Vereine, Bruderschaften, Nachbarschaften und Feste können solche Orte sein. Gerade dort, wo Menschen gemeinsam anpacken, Dienste übernehmen, feiern, organisieren und Verantwortung tragen, wird aus Nebeneinander ein Miteinander. Deshalb sehe ich keinen Widerspruch zwischen überliefertem Heimatverständnis und einer offenen Gesellschaft. Im Gegenteil: Traditionen haben Zukunft, wenn sie offen bleiben. Wer Heimat als Einladung versteht und nicht als Abgrenzung, der verbindet Geschichte mit Gegenwart und Zukunft.
Die Digitalisierung, auch ein Zuständigkeitsbereich Ihres Ministeriums, hat die Heimat erreicht - nicht nur durch den Glasfaserausbau, auch durch inhaltliche Projekte. Jetzt ist sogar von "digitaler Heimat" die Rede. Was verstehen Sie darunter?
Scharrenbach: Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie soll das Leben leichter machen und bei den Bürgerinnen und Bürgern sichtbar ankommen. Das gilt für digitale Verwaltungsleistungen genauso wie für Heimatprojekte. Das ist unser Verständnis und daran arbeiten wir. Ein Beispiel: Unser Heimat-Landesprogramm ist seit 2024 voll digital. Damit können die vielen engagierten Menschen in unserem Land noch einfacher und schneller von der Heimatförderung profitieren. Denn es kann nicht nur der Antrag online gestellt werden, sondern auch die Bewilligung und Verwendungsnachweis ist digital übermittelbar. Die Umstellung auf das digitale Verfahren hat die Antragsstellung und das Bewilligungsverfahren verbessert. Zudem fördern wir auch digitale Heimatprojekte. Wenn beispielsweise ein Verein seine Geschichte digital zugänglich macht, wenn ein Dorf eine App zur Heimatgeschichte entwickelt oder wenn junge Menschen über digitale Formate lokale Geschichte entdecken, dann stärkt Digitalisierung auch Heimat. Digitale Heimat bedeutet also: Zugang erleichtern, Wissen bewahren, Teilhabe ermöglichen und Verwaltung näher an die Menschen bringen.
Schützenbruderschaften und Schützenvereine sind mit ihren Volks- und Heimatfesten oft prägend für das Gemeinschaftsgefühl vor Ort. Dabei vertreten die Schützen einen offenen Heimatbegriff, der alle einschließt, die sich einbringen wollen. Wie wichtig sind Ihnen die heimatlichen Vereine? Welche Bedeutung messen Sie den Schützenfesten in Stadt und Land zu? Feiern Sie gerne mit?
Scharrenbach: Die heimatlichen Vereine sind für Nordrhein-Westfalen von unschätzbarem Wert. Sie halten nicht nur Traditionen lebendig, sondern sie organisieren Gemeinschaft. Ohne Vereine, ohne Bruderschaften, ohne Ehrenamt gäbe es viele Feste, Begegnungen und Orte des Zusammenhalts gar nicht. Schützenfeste sind dafür ein sehr gutes Beispiel. Sie sind vielerorts mehr als ein Festwochenende. Sie sind ein Stück Identität für Stadtteile, Dörfer und ganze Städte. Dort treffen sich Generationen, dort kommen Menschen miteinander ins Gespräch, dort wird Verantwortung übernommen: Vom Aufbau über den Festzug über die Musik bis zur Jugendarbeit. Dort bin ich auch selbst gerne mit dabei, weil man bei solchen Festen spürt, was unser Land bietet und zusammenhält: Menschen, die sich kümmern, die anpacken, die Tradition leben und zugleich offen für andere sind. Das ist gelebte Heimat und ein wichtiger Teil der DNA unseres Landes.