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Robert Kleine::„Treten wir als Schützenbruderschaften konsequent Hass und Gewalt entgegen!“

Monsignore Robert Kleine ist der Seelsorger des Brauchtums. Als Kölner Stadtdechant zeigt er Herz für den Karneval, als Bundespräses gehört er zur Führungsspitze der historischen deutschen Schützenbruderschaften. Im Interview spricht der gebürtige Neusser über sein Leben zwischen Kirche und Schützenfest, Papst und Kardinal, über Seelsorge im Festzelt und das Gottesgeschenk der Freude.
Bundespräses Robert Kleine
Datum:
14. Apr. 2026
Von:
BHDS / Horst Thoren

Ist es Kernaufgabe als geistlicher Begleiter, den Schützen die Leviten zu lesen oder geht es mehr darum, christlicher Wegweiser zu sein in einer glaubensfernen Gesellschaft?

Kleine: Die Aufgabe eines Seelsorgers sehe ich sicherlich nicht darin, irgendjemandem die Leviten zu lesen. Jesus gibt Petrus die Aufgabe: „Stärke deine Brüder“. Darum geht es: Die Schützenschwestern- und brüder zu stärken, zu begleiten, ein offenes Ohr zu haben für ihre Glaubensfragen und -zweifel.

Denn ohne Frage ist es heute schwieriger als in vergangenen Jahrzehnten, seinen Glauben zu leben, ihn als Mitglied einer Bruderschaft öffentlich zu bekennen und trotz der Glaubwürdigkeitskrise der Kirche dabeizubleiben. Da gibt es nicht wenige kritische Nachfragen oder auch schon mal ein mitleidiges Lächeln.

Deshalb sehe ich drei Kernaufgabe von Präsides und geistlichen Begleiterinnen und Begleitern: 

1. Selber persönlich glaubwürdige Zeuginnen und Zeugen des Evangeliums zu sein. 

2.  Für die Mitglieder unserer Bruderschaften ermutigende Wegbegleiter, Seelsorger und Gesprächspartner zu sein. 

3.  Spiritueller, theologischer sowie liturgischer Impulsgeber und Akteur zu sein.

 

Sie haben 2013 das Amt des Bundespräses von Heiner Koch, inzwischen Erzbischof in Berlin, übernommen. Schon damals sprachen alle vom Priestermangel. Wie lassen sich die neuen kirchlichen Strukturen mit immer größeren regionalen Einheiten mit dem drängenden Wunsch der Schützen nach priesterlicher Wegbegleitung verbinden?

Kleine: War vor Jahrzehnten der Pfarrer meistens Präses einer Bruderschaft, eines Kirchenchores und einer pfarrlichen Frauengemeinschaft waren, gehören zum Verantwortungsbereich heutiger Pfarrer eine Vielzahl von Pfarreien, Gemeinden, Kirchen und Vereinen. In manchen Gebieten unseres Bundes wäre der leitende Pfarrer als geborener Präses verantwortlich für über dutzend Bruderschaften. Da muss doch allen klar sein, dass die Wegbegleitung auf unterschiedliche Schultern verteilt werden muss, damit persönliche Begleitung überhaupt möglich ist. Es wäre schön, wenn andere Priester im Pastoralteam, Diakone, Frauen und Männern im Pastoralen Dienst dafür zur Verfügung stehen und angefragt werden.

 

Welche Aufgaben können Laien übernehmen?

Kleine: Ich gehe davon aus, dass auf Zukunft vielen Bruderschaften kein hauptamtlicher Seelsorger bzw. Seelsorgerin dauerhaft begleitend zur Seite stehen kann. In der Kommunion- und Firmvorbereitung engagieren sich so viele Männer und Frauen ehrenamtlich, es gibt so viele liturgisch gebildete Laien, Religionslehrerinnen und Theologen, also viele Menschen, die mit Freude ihren Glauben leben. Es gibt sie außerhalb und innerhalb unserer Bruderschaften. Für mich sind sie es, die in Zukunft vermehrt vor Ort Versammlungen geistlich begleiten, Wortgottesdienste feiern, Ansprechpartner vor Ort sind.  Ich gehe davon aus, dass die Zukunft auf der Ebene der Bezirksverbände liegt. Hier, so hoffe ich, werden wir Priester, Diakone und andere Pastorale Dienste finden, die sich engagieren und das Präsesamt auf übergeordneter Ebene annehmen. Ihre Aufgabe wird es dann sein, die in den Bruderschaften vor Ort engagierten Männer und Frauen zusammenzubringen, zu motivieren und zu begleiten. 

 

Wie christlich ausgerichtet sollten die Schützenbruderschaften sein?

Kleine: Schützenbruderschaften als Ganzes und ihre einzelnen Mitglieder sollten sich bewusst sein, dass das Fundament unseres Bundes das Evangelium Jesu Christi ist und der Glaube an einen Gott, der die Liebe ist, und der jeden Menschen mit gleicher Würde beschenkt hat. 

Dieses Wissen sollte unsere Schützenbruderschaften prägen: Auch durch besondere Gottesdienste, Einkehrtage u.a., aber vor allem durch eine Haltung im Alltag, die unserem Glauben entspricht.

 

Die Missbrauchsskandale haben die Kirchen in Misskredit gebracht. Sehen Sie eine Entfremdung? Wie sollten die Bruderschaften mit Schützenbrüdern und -schwestern umgehen, die aus Enttäuschung aus der Kirche ausgetreten sind?

Kleine: Natürlich kenne ich Menschen, die aus Enttäuschung und Wut aus der Kirche ausgetreten sind. Und ich kennen auch nicht wenige, die wegen der Kirchensteuer ausgetreten sind. 

Auch ich war und bin entsetzt und angewidert über die furchtbaren Verbrechen, die Mitbrüder begangen haben, und über die bewusste Vertuschung durch Personalverantwortliche in den Diözesen.

Diese haben die Frohe Botschaft durch ihr Handeln pervertiert. Aber sie bleibt trotzdem für mich persönlich das Fundament meines Glaubens und meines Lebens. Ich hoffe, dass Schützenschwestern und -brüder, die ausgetreten sind, mit der Zeit erkennen, dass die Kirche trotz der entsetzlichen Verbrechen einiger ihrer Amtsträger eine Glaubensgemeinschaft ist, die das lebt, was das 2. Vatikanische Konzil so formulierte:

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ Und dass sie vielleicht auch irgendwann wieder in die Kirche zurückkehren möchten.

Unser Bund ist ein katholischer Verband, und wer der katholischen Kirche den Rücken kehrt, tut das manchmal in Konsequenz auch im Hinblick auf die Bruderschaft.  

Eine schwierige Frage ist, ob und wie jemand, der offiziell aus der Kirche ausgetreten ist, in einem kirchlichen Verein Ämter und Würden übernehmen kann oder soll.

 

Im heiligen Jahr waren zahlreiche Schützen als Pilger der Hoffnung in Rom. Welche Botschaft des neuen Papstes nehmen Sie als hoffnungsstiftend für die Katholiken in Deutschland wahr? Weiß Leo XIV. etwas über Tradition und Selbstverständnis der Schützenbruderschaften?

Kleine: Wir müssen davon ausgehen, dass Leo XIV. während seiner Zeit in den USA und in Peru keine Schützenbruderschaften kennenlernte, aber wie ich ihn einschätze, weiß er katholische Vereine und auch regionales, volkskirchliches Brauchtum zu schätzen.

Mich und sicherlich auch viele Schützen haben seine ersten Worte auf der Loggia des Petersdomes nach seiner Wahl sehr angerührt: „Peace be with you all. / Friede sei mit euch allen.“ Arbeiten wir gemeinsam an einer friedvolleren Welt. Im Großen und im Kleinen. Treten wir als Schützenbruderschaften konsequent Hass, Gewalt, Rassismus, Intoleranz und Respektlosigkeit entgegen!

 

2028 begeht der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften sein 100-jähriges Bestehen. 1928 in Köln gegründet, böte sich zum Jubiläum eine Dankmesse im Kölner Dom an ...

Kleine: Was heißt hier, „böte sich an“. Ich gehe fest davon aus, dass das außer Frage steht.   😊

 

Es heißt, dass Kardinal Frings, wie Sie in Neuss geboren, Ihr Glaubensvorbild sei. Was verbinden Sie mit dem großen Kirchenführer, der in den Hungerjahren nach dem Krieg den Kohlenklau als Nothilfe (fringsen) erlaubte?

Kleine: Sein Wahlspruch aus dem Hebräerbrief war „Pro hominibus constitutus / Für die Menschen bestellt.“ Kann man besser ausdrücken, wie sich ein Bischof, aber auch ein Priester verstehen sollte? Als Diener und Seelsorger. Meinen Primizspruch habe ich bei meiner Priesterweihe 1993 aus Psalm 100 gewählt: „Dient dem Herren mit Freude.“ Das ist meine Berufung als Priester. Und die Freude ist immer noch da. Jeden Tag.“

 

Robert Kleine ist Schütze in Neuss und Karnevalist in Köln. Was verbindet beide Brauchtümer? 

Kleine: Spannend ist, dass sowohl das Festkomitee Kölner Karneval als auch der Neusser-Bürger-Schützenverein im selben Jahr gegründet wurden, nämlich 1823, quasi als rheinische Antwort auf die Preußen und ihre Armee…

Sommer- und Winterbrauchtum prägen beide kulturprägend unsere Städte und Dörfer:

Beide Feste leben vom Vereinsleben und Traditionen, von Festtagen und Geselligkeit.

Die zwei Brauchtümer verbinden Generationen und gesellschaftliche Schichten im gemeinsamen Feiern und im ehrenamtlichen Engagement.

Bei beiden spielen Umzüge und Musik eine große Rolle – und an der Spitze stehen bei beiden Regenten auf Zeit.

 

Was hielte der Bundespräses von der Idee einer Festzelt-Mission?

Kleine: Gerne als Volksmission: Jede Schützenschwester und jeder Schützenbruder ist eingeladen, in Wort und noch mehr in Tat als Christin und Christ zu leben 😊.